Gorod Ustinov: Die ursprüngliche Motivation für unser künstlerisches Schaffen war ein Gefühl von innerer Leere, die sich nicht aus äusseren Quellen auffüllen lies. Wir beide fingen an etwas zu erschaffen, was zu einer Basis für die weitere Existenz werden sollte. Es wandelte sich zu einem tektonischen Prozess um, zu einem der Schaffung von neuen Territorien, oder besser gesagt neuen Mikroterritorien. Indem wir den Namen Gorod Ustinov annahmen, verbanden wir unsere Persönlichkeiten mit einem historischen Ereignis. Genau wie viele andere Städte in der Sowjetischen Zeit, wurde Izhevsk umbenannt. Aber nur für eine sehr kurze Zeit. Interessanterweise genau zu dem Zeitpunkt, in dem wir geboren wurden. Wir haben für unser ganzes Leben eine Erinnerung in unseren Reisepässen. Dort steht: “Geburtstort: Ustinov” und jetzt erfinden wir in unseren Arbeiten ein Territorium dieses laufenden Momentes.

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Gorod Ustinov ist ein Mikro-Art-Kollektiv aus Izhevsk in Russland und wurde von Natalja Peredvigina und Kirill Agafonov gegründet. Beide wurden nach Bern in die Künstlerresidenz Residency.ch als Repräsentanten der jungen Gegenwartkunstszene aus der Region Udmurtien eingeladen. Im Gespräch mit der Kuratorin und Koordinatorin des Vereins für Kulturaustausch Artistaround.ch Anna Fatyanova, erzählen die Künstler über ihre Projekte.

GOROD USTINOV IN BERN. EIN GESPRÄCH MIT ANNA FATYANOVA

“Gorod Ustinov” ist ein Mikro-Art-Kollektiv aus Izhevsk in Russland und wurde von Natalja Peredvigina und Kirill Agafonov gegründet. Beide wurden nach Bern in die Künstlerresidenz Residency.ch als Repräsentanten der jungen Gegenwartkunstszene aus der Region Udmurtien eingeladen. Im Gespräch mit der Kuratorin und Koordinatorin des Vereins für Kulturaustausch Artistaround.ch Anna Fatyanova, erzählen die Künstler über ihre Projekte.

Anna Fatyanova: Ustinov ist nicht nur der Name eures Kollektivs, sondern auch der Name eurer Herkunftsstadt, welche unter diesem Namen nur ein paar Jahre gegeben hat. Denn heute heisst sie wieder Izhevsk. Ist der Titel eures Artduos ein Versuch diesen vorübergehenden Moment festzuhalten? Aus welchem Grund habt ihr entschieden euch mit einem Ort zu identifizieren, den es auf der Karte nicht mehr gibt?

Gorod Ustinov: Die ursprüngliche Motivation für unser künstlerisches Schaffen war ein Gefühl von innerer Leere, die sich nicht aus äusseren Quellen auffüllen lies. Wir beide fingen an etwas zu erschaffen, was zu einer Basis für die weitere Existenz werden sollte. Es wandelte sich zu einem tektonischen Prozess um, zu einem der Schaffung von neuen Territorien, oder besser gesagt neuen Mikroterritorien. Indem wir den Namen Gorod Ustinov annahmen, verbanden wir unsere Persönlichkeiten mit einem historischen Ereignis. Genau wie viele andere Städte in der Sowjetischen Zeit, wurde Izhevsk umbenannt. Aber nur für eine sehr kurze Zeit. Interessanterweise genau zu dem Zeitpunkt, in dem wir geboren wurden. Wir haben für unser ganzes Leben eine Erinnerung in unseren Reisepässen. Dort steht: “Geburtstort: Ustinov” und jetzt erfinden wir in unseren Arbeiten ein Territorium dieses laufenden Momentes.

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ALBOM, 2013. Klassenfoto aus dem Natalja’s Privatarchiv, Izhevsk, 1989

A.F.: Euer Mikro-Art-Kollektiv besteht aus zwei Personen, aber nicht nur daran zeigt sich das Mikroskopische. Warum habt ihr entschieden euch auf die kleinformatige Kunst zu konzentrieren?

G.U.: Als Grundlage für unsere Kunst wählten wir die Grösse einer oder zwei menschlichen Handflächen. Wir schaffen kleine Objekte aus den einfachen Partikelchen von Materialien. Das schafft einen sehr engen Kontakt mit der Umwelt und erfordert unsere vollste Konzentration und eine genaue Aufmerksamkeit der Zuschauer. Dies erzeugt einen besonderen und aufmerksamen Umgang mit dem Umfeld.

A.F.: Ihr verzichtet auf die Mittel der digitalen Kunst und auf die Verwendung von neuen Technologien und widmet euch ganz der vorindustriellen Realität. Worin besteht die Grundidee eures Protests gegen die neuen Technologien und darf man es überhaupt als solchen bezeichnen?

G.U.: Für uns ist das ein natürliches Streben nach Physischem, ein Ausgleich zur modernen, digitalen und hypervisuellen Welt. Das ist eine Rückkehr zur persönlichen Erfahrung der taktilen Verbundenheit mit dem Raum. Einmal wurden unsere Arbeiten “trogatelnie” (ein Spielwort von Russischem “trogat” – anfassen und “trogatelnij” – herzerwärmend) genannt, in dem Sinne, dass selbst durch ein Schaufenster sich ein Tastgefühl vermitteln lässt. Dadurch, dass in den Arbeiten einfache und im Alltagsleben verbreitete Materialien benutzt werden, können die Leute eine Verbindung mit ihrer persönlichen Welt herstellen und ihre eigene Erfahrung des taktilen Bezugs zur Umgebung in Erinnerung rufen.

A.F.: Das Material ist für euch vorrangig. Physischer Kontakt mit dem Objekt ist wichtiger als seine visuelle Komponente. Ein bildender Künstler, ein Maler kommt genau so in Berührung mit seinem Material – die Farben, Pinsel, Leinwand, nur dem Zuschauer ist die Rolle des Beobachters des Endresultat überlassen. Selbst die Skulpturen oder Installationen sind unmittelbare Arbeit mit Material. Der Zuschauer bleibt aber wieder nur ein Zuschauer. Wie geht ihr damit um? Integriert ihr euer Publikum in den Schöpfungsprozess?

G.U.: Ja, genau. In letzter Zeit stellen wir immer öfter das Material selbst als unser Kunstwerk dar. Wir schlagen den Zuschauern vor damit in Berührung zu kommen und eine persönliche, praktische Erfahrung ohne zusätzliche Anleitungen zu sammeln. Unsere Objekte kreieren wir nach Tastgefühl, indem wir die Eigenschaften eines Materials studieren. Oft wissen wir nicht, welche endgültige Forme rauskommt, welche inhaltliche Bedeutung und Bilder wir und die Zuschauer darin sehen werden. Zusammen mit dem Zuschauer tauchen wir in einen gemeinsamen Prozess ein. Dabei steht der Kontakt mit sich selbst im Vordergrund und dann mit der Umwelt und der Umgebung. Jeder leistet einen Beitrag oder fühlt, dass er einen leisten könnte.

A.F.: Wenn wir von den Zuschauern sprechen, merkt ihr einen Unterschied zwischen dem Publikum in Russland und Zentraleuropa?

G.U.: An unserer Ausstellung im belgischen Museum of Fine Arts in Gent (MSK) fiel uns auf, dass für die regulären Besucher die Kunst, inklusive Gegenwartkunst, ein natürlicher Bestandteil ihres Leben darstellt. Sie nahmen sich Zeit um das Werk genauer kennen zu lernen, diskutierten darüber auch mit Kindern, stellten Fragen. In Russland, vor allem in Izhevsk, schien uns, dass die Ausstellungbesucher eine Arbeit aus grosser Distanz beobachten, als ob das Dargestellte zu einer anderen, unbekannten Welt gehöre, die keine Verbindung mit ihrer eigenen hat.

A.F.: Izhevsk ist als Herkunftsort der Kalaschnikow bekannt. In eurer Stadt ist bis heute eine Waffenfabrik in Betrieb, in der das weltbekannte Modell entwickelt wurde. Das Thema habt ihr auch in eurer Kunst reflektiert. Ein paar Wörter zu eurem Projekt mit Patronenhülsen . Wie habt ihr Zugang zu diesem Material bekommen?

G.U.: In Izhevsk befindet sich ein grosses Museum für Schusswaffen namens Kalaschnikow. Für die Unterhaltung der Besucher gibt es dort einen Schiessstand, an dem man mit der Kalaschnikow oder mit Scharfschützengewehren schiessen kann. Als wir dort diese enorme Menge Patronenhülsen sahen, entstand die Idee sie als Kunstmaterial zu verwenden. Dieses Material ist Izhevsk-Bewohnern wie uns sehr vertraut. Wir arbeiten damit genau so wie wir mit Textilstoff arbeiten würden. Als Grundlage nahmen wir die ursprünglichen Charakteristiken des Gegenstandes und seiner Form. Das Hauptziel des Projektes “Erz” war eine natürliche Variabilität eines Gegenstandes zu entdecken und die Möglichkeiten für die Lebensfortsetzung einer benutzen Hülse zu finden. Auf diese Weise wollten wir ein Konfliktsymbol in ein Kommunikationsinstrument umwandeln.

2.2 2.1
RUDA, 2015. MSK, Gent, Belgien

A.F.: Eure Arbeiten sind oft dem Thema Kommunikation gewidmet. Nicht war? Erzählt ihr von eurem Projekt in CCI Fabrika, das im Moment an der Moskauer Biennale für Junge Kunst präsentiert wird?

G.U.: Im Rahmen des Projektes “Fabrik der Freizeit” geben wir den Zuschauern nur Material und somit eine Möglichkeit sich näher mit dem Sand aus der Izhevsk-Flussküste in Verbindung zu bringen. Ein paar Arbeitsplätze, ein Stück Papier, Sandhügel und eine Pinzette. Die Interessierten dürfen aus den Sandkörnern unterschiedliche Kompositionen bilden. Sie verbringen Freizeit und gleichzeitig produzieren sie neue “Freizeit“.
Eine ähnliche Vorgehensweise verwenden wir in einem anderen Projekt namens “Palmira”. Aus den Sandhügeln werden Architekturpläne einer alten Stadt konstruiert. Die Zuschauer dürfen die Pläne erweitern und die Stadt ausbreiten oder andere Kompositionen daraus bilden, die wir ebenfalls “Palmira” benennen können. “Palmira” ist für uns eine Metapher der Kulturquelle, die zu vielen persönlichen Kulturen an einem Ort wurde. Obwohl wir “Palmira” ausserhalb ihrer natürlichen Grenze bauen und ausserhalb vom heutigen politischen Umfeld, wird sie zum Bestandteil der ganzen Welt, denn die Kulturquelle ist überall zu finden.

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PALMIRA, 2016. NCCA, Arsenal, N. Novgorod

A.F.: Sehr interessant. Ein anderes Projekt von euch ist “Ostrova” (“Inseln”). Die “Inseln” sind sowohl visuell sehr spannend, als auch kompliziert und tief im konzeptuellen Sinne. Eine wunderbare Kombination von Form und Inhalt. Was ist als erstes entstanden? Wie wurde die Idee geboren?

G.U.: Diese Projekt ist aus Experimenten mit Textilresten “gewachsen”. Die Form wurde am Ende der Arbeit sichtbar. Deshalb definierten wir als erstes ein Material. Danach tauchten in den Stoffen Einschlüsse aus Alltagsmaterialien auf, natürlicher und künstlicher Herkunft. Zum Beispiel ein getrocknetes Karottenstück oder Fundobjekte von der Strasse. Als nächstes traten die Stoffstrukturen in Interaktion mit der Umwelt. Sie wurden selbst zu Bestandteilen der Gegenstände, indem sie die Lücken in zerbrochenem Geschirr, alter Kleidung oder Risse in Wänden füllten. So eröffnen die “Ostrova” neue Horizonte in der Existenz von Gegenständen und dem Material an sich. Auf diese Weise verkörpert sich unsere Idee von “Mikroterritorien”.

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OHNE TITEL, 2015. Sammlung MSK, Gent, Belgien

A.F.: Einen Monat lang habt ihr in der Residenz im PROGR verbracht. Erzählt mir bitte wie diese Erfahrung für euch war?

G.U.: Bern ist eine wunderschöne Stadt. Wir entdeckten für uns unvergessliche Natur, begegneten sehr offenen und natürlichen Menschen und auch sehr guten Künstlern. Dank dem Format der Residenz wurden wir nicht gezwungen an einem konkreten Projekt zu arbeiten und nutzen die Zeit fürs Kennenlernen der Schweizer Kultur, Kunst und Natur. Schlussendlich sammelten wir eine Menge von den positiven Eindrücken und erarbeiteten daraus Ideen für künftige Projekte, die unsere Städte verbinden könnten. Hoffentlich werden wir sie in der näheren Zukunft realisieren können. Ganz herzlichen Dank an PROGR und Residency.ch, an den Verein Artistaround.ch und an die Schweizer Botschaft in Moskau für die Unterstützung.

A.F.: Vielen Dank! Es war eine wunderschöne Begegnung mit euch in Bern. Ich wünsche euch ganz viel Erfolg bei den weiteren Projekten.

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Kirill Agafonov und Natalja Peredvigina bilden das Mikro-Art-Kollektiv „Gorod Ustinov“ aus Izhevsk Russland